Ich muss zugeben, das Thema „Mental Load“ hat mich in der Praxis gefunden und nicht umgekehrt. Immer mehr Frauen in Beziehungen haben das Thema in die Paartherapie mitgebracht. Bevor ich mich damit auseinandersetze, dachte ich, es geht rein um die Verteilung der Aufgaben in Haushalt und Kindererziehung. Aber dann begann ich, mich immer mehr mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich informierte mich bei anderen Therapeuten über Social Media, hörte Podcasts und Vorträge und stellte dann vor ungefähr 2 Monaten fest, dass mich persönlich das Thema „Mental Load“ auch betrifft. Und seitdem versuche ich meinen Mann zu erklären, was ich eigentlich damit meine. Bis heute eigentlich mehr oder weniger erfolglos.
Deswegen habe ich mich bei diesem Blog-Artikel dazu entschieden, meine ganz persönliche Geschichte zum Thema „Mental Load“ zu erzählen, wie es mir damit geht und was ich damit meine.
Ich dachte eigentlich, dass meinem Mann und mir eine sehr gute Arbeitsteilung in der Familie gelingt. Jeder hat so seinen Bereich und trotzdem gehen wir Hand in Hand durch unseren Alltag. Wir machen es eigentlich genauso, wie ich es meinen Paaren immer erkläre. Wir gehen sehr wertschätzend miteinander um, bedanken uns und nehmen nichts als selbstverständlich hin. Beide können alles im Haushalt und gleichzeitig haben wir unsere Präferenzen. Wir arbeiten beide Vollzeit und das war nie ein Problem. Durch meine Flexibilität im Job kümmere ich mich mehr um unsere Tochter. Dafür ist er abends, wenn ich wieder in die Praxis gehe, für sie da. Eigentlich perfekt, dachte ich. Vorbildlich. Und doch kam ich immer wieder in Situationen, in denen ich überlastet und überfordert war. Von Haushalt und Familie, von Job, von allem. Aber nie habe ich ganz verstanden, wann es so ist und wann nicht. Ich fand nicht die eine Stellschraube, an der ich drehen konnte, damit die Überlastung nicht auftritt. Ich konnte die Überforderung nicht beeinflussen.
Nach meiner Auseinandersetzung mit Mental Load und der Care-Arbeit stellte ich fest, dass es bei mir gar nicht um das Erledigen von Aufgaben im Haushalt geht. Es geht mir um zwei Themen, die mich wahnsinnig viel Kapazität, Kraft und Energie kosten. Zum einen die komplette Organisation und das Durchdenken eines zweiten Lebens (unsere Tochter) und zum anderen die emotionale Verantwortung für drei andere Menschen (unsere beiden Töchter plus mein Mann).
Ich beginne mit dem ersten Punkt: ich manage das Leben unserer Tochter
Ich habe diesen Punkt versucht meinem Mann an einem beispielhaften Tag zu erklären. Er steht auf, macht seinen Sport und verlässt zwischen 06.00 Uhr und 06.30 Uhr das Haus. Er hat zu diesem Zeitpunkt schon Sachen im Haushalt erledigt. Das ist wunderbar. Unsere Tochter steht mit mir um 06.00 Uhr auf. Mein Mann hat sich um den Haushalt gekümmert, aber nicht um unsere Tochter und ihr Leben. Er ist kommt abends zwischen 18.00-20.00 Uhr nach Hause. In der Zwischenzeit war er mit seiner Arbeit beschäftigt. Mehr nicht. Ich arbeite auch 8 Stunden plus „Ist der Schulranzen gepackt? Schlüssel dabei? Isst du heute in der Mensa? Alles für Kontrabass dabei? Welche Verbindung nimmst du? Hausaufgaben gemacht? Wie war es in der Schule? Musst du noch was lernen? usw. Die Liste der unsichtbaren Aufgaben, an die ich denken muss, ist unendlich. Ich muss jedes noch so kleine Detail bedenken. Wenn ich das nicht mache, kann es sein, dass unsere Tochter nichts zu essen hat, nicht in die Wohnung kommt, den Musikunterricht vergisst etc. Unsere Tochter ist fast 13 Jahre alt. Sie kann vieles allein machen und gleichzeitig hat sie manchmal ein Gehirn wie ein Sieb. Was vollkommen normal für ihr Alter ist. Aber wenn sie oder ich etwas vergessen, bedeutet es einen extremen Mehraufwand bei der Nachorganisation. Telefonate müssen geführt werden usw. Mein Mann ist nicht immer erreichbar. Er ist in Meetings. Also fällt es wieder auf mich zurück. Mein Gehirn ist ein Hochleistungscomputer, der nie ausfällt aber häufig überlastet ist. Bei uns stehen alle Termine in einem gemeinsamen Kalender. Aber der nächste Tag muss besprochen und vorbereitet werden. Das ist keine schwierige Aufgabe. Und doch bin ich allein damit. Warum? Diese Frage konnte mir bis jetzt niemand beantworten. Auch mein Mann nicht.
Der zweite Punkt ist für mich eigentlich der wichtigere Punkt: die emotionale Verantwortung, die Beziehungs-care-Arbeit. Hier bin ich nicht nur für eine Person zuständig, sondern immer wieder für drei Menschen und eine Ehe. Für unsere beiden Töchter bin ich von ganzem Herzen und liebend gerne emotional verfügbar. Das ist, aus meiner Sicht, auch ein Teil meines Mama-Daseins. Das ist das, was und wie ich sein möchte. Und es gibt Tage, die herausfordernd sind und meine Ressourcen und Kapazitäten aufgebraucht sind. Auch durch meinen Job. Ich weiß das und ich kann es gut und rechtzeitig kommunizieren, wenn meine Ressourcen aufgebraucht sind. Aber was passiert dann? Nichts. Da ist keiner, der mir emotionale Care-Arbeit abnimmt. Ich meine damit, emotionale Verfügbarkeit für die Kinder, eine Präsenz. Plus die proaktive Gestaltung der Beziehung zu den Kindern. Wie kann das konkret aussehen? Ein de-eskalierendes Einwirken in Konfliktsituationen, ein Trösten, wenn es in der Schule Stress gab, ein offenes Ohr, wenn über die Freundin geschimpft wird, Ratschläge, Unterstützung bei der Suche nach Universitäten und Studiengängen usw. Ich erlebe täglich mehrere Situationen, in denen meine Kinder ein Elternteil, dessen Präsenz und dessen emotionale Unterstützung brauchen. Und wie soll das funktionieren, wenn der Partner oder die Partnerin den ganzen Tag im Büro und in Meetings sitzt. Ich spreche hier nicht von einer permanenten Verfügbarkeit. Das kann ich auch nicht leisten. Aber ein Backup, eine Erreichbarkeit, eine Priorisierung. Und nicht erst im Notfall und nach Aufforderung, sondern als selbstverständliche Grundeinstellung. Eine proaktive Besziehungsgestaltung durch beide Elternteile.
Meistens ist es bei mir so, dass ich die „Sorgearbeit“ für die Kinder leicht und gerne schaffe. Was ich dann aber nicht mehr leisten kann, ich das Kümmern um unsere Beziehung. Natürlich braucht auch die ein Invest – von beiden. Rational weiß ich das. Praktisch ist es für mich nicht umsetzbar. Ich kann nicht noch für unsere Beziehung die alleinige Verantwortung übernehmen. Ich gehe jeden Schritt mir, aber ich kann einfach wenig proaktiv gestalten. Die Konsequenz meiner fehlenden Kapazität? Die Beziehung leidet. So wie es vielen meiner Paare geht, geht es auch mir und uns. Ich weiß, was ich zu meinen Klienten sagen würde und ich versuche es meinem Mann zu erklären. Aber er kann nicht greifen, was ich meine. Er kann es nicht nachvollziehen. Die Frage, die ich mir die letzten Wochen stelle ist „Warum kann er nicht verstehen oder nachvollziehen, was ich meine?“. Ich weiß, dass er es weder aus Ignoranz noch aus Absicht macht. So gut kenne ich ihn und seine Muster. Aber was ist es dann? Gesellschaftliche Prägung? Vielleicht. Aber das kann doch dann nicht das Ende, die Antwort sein. Das ist mir zu wenig.
Also versuche ich es therapeutisch zu betrachten. Systemisch gesehen hat das Männliche die Aufgabe für (finanzielle) Sicherheit und Schutz zu sorgen. Das weibliche sorgt für Verbundenheit und Wärme. Aber ich sorge auch für finanzielle Sicherheit. Im Umkehrschluss müsste er also auch die Aufgaben des Weiblichen übernehmen. Habe ich den Wunsch bisher geäußert oder die Übernahme der emotionalen Verantwortung in unseren 17 Jahren Beziehung bisher eingefordert? Ehrlich? NEIN! Warum? Weil ich gelernt habe, dass ich schon alles alleine kann. Ich schaffe alles. Das ist das, was ich vorgelebt bekommen habe. Innere Grenzen in Bezug auf emotionale oder psychische Belastung? Fehlanzeige – habe ich nie gezogen. Ich habe mich wie selbstverständlich für alles verantwortlich gefühlt. Die Frau, die alles schafft. Vollzeit-Arbeitnehmer, Vorzeigemutter, perfekte Ehefrau. Notfalls bis nachts um eins. Ich habe es mir über die Jahre hart erarbeitet, diese Glaubenssätze und Ansprüche an mich loszulassen. Immer mit dem Wissen „aber eigentlich kannst du es ja!“. Ja, ich kann es. UND ich will das so nicht mehr. Das bedeutet, ich stelle unsere Dynamik und unser bisher funktionierendes System auf den Kopf. Es läuft nicht mehr rund, es knirscht bei uns. Was das Ergebnis sein wird? Ich weiß es nicht. Aber ich hoffe auf das Positive.